Tohuwabohu

05.05.2020

Wie ein mikroskopisch kleines Virus zu einem schwarzen Schwan an den Finanzmärkten führen kann.

Wenn man im Finanzwesen von einem schwarzen Schwan redet, dann meint man damit nicht den prachtvollen Cygnus atratus aus der Welt der Fauna. Dieser sehr seltene Trauerschwan ist vornehmlich in Australien und Neuseeland, aus unserer Perspektive also auf der anderen Seite des Globus, heimisch.

Spricht man von einem „Black Swan“ an den Finanzmärkten, so redet man ebenfalls über eine Seltenheit. Zum Glück, denn hier handelt es sich um ein seltenes, unvorhersehbares und unkalkulierbares Risiko, welches plötzlich eintritt und schwerwiegende Folgen mit sich bringt. Da man sein Eintreten nicht im Voraus einkalkulieren kann, kann man sich auch nicht dagegen absichern. Eine weitere Eigenschaft, die ihm nachgesagt wird, ist die, dass man im Nachhinein immer glaubt, man hätte es vorhersehen können, man es aber nie tat.

Heute sind sich viele Experten einig, dass es sich beim Coronavirus und seinen Folgen um einen „Black Swan“ handelt. Als vor einigen Monaten die ersten Fälle in China gemeldet wurden, rechneten nur die größten Pessimisten damit, dass wir es nach nicht einmal einem halben Jahr später mit einer weltweiten Pandemie zu tun haben würden. Heute wissen wir: Diesmal behielten die Pessimisten Recht. Dank Globalisierung und der damit verbundenen fast unbegrenzten Mobilität hat sich das Virus praktisch ungehindert über fast alle Länder der Welt verbreitet und bringt vielerorts eine Überlastung der jeweiligen Gesundheitssysteme mit sich. Um diese Überforderung zu vermeiden, reagierten die Autoritäten mit der Verordnung eines fast vollständigen Lockdowns. Tatsächlich haben bis auf einige Ausnahmen, wie beispielsweise Schweden, die Regierungen ihre Bürger praktisch zu Hause „eingesperrt“, Unternehmen, Läden und ganze Wirtschaftszweige sowie Grenzen sind geschlossen. Nur die absolut lebensnotwendigen Aktivitäten sind erlaubt und auch diese nur unter strengen Auflagen.

Obwohl Viren so alt sind wie die (sesshafte) Menschheit und in regelmäßigen Abständen ihre „Runden drehen“, ist diese Maßnahme ein wirtschaftlicher Präzedenzfall, ein Experiment mit zum Teil dramatischen Konsequenzen, sowohl für Einzelunternehmer wie auch für den Mittelstand und Startups. Doch auch größere Unternehmen riskieren „wegzufallen“. Die in Luxemburg aktuelle Diskussion um schmale oder breite Schultern zeigt eindeutig, dass Existenzängste universell sind – mit breiteren Schultern sind auch häufig größere Verantwortungen und Verpflichtungen verbunden. Für das Personalproblem bietet der Staat die Kurzarbeit an, doch was, wenn Vermieter oder Bank nicht mehr bedient werden können, weil die Reserven aufgebraucht sind?

Eine solide Bilanz eines Unternehmens hängt sowohl stark mit ihren Reserven (doch nicht zu viel, denn bei null Prozent Zinsen ist das totes Geld!) als auch ihrem Verschuldungsgrad zusammen. Der Dreh- und Angelpunkt eines jeden Unternehmens ist stets die Generierung von Cashflow. Nun wurde die Cashflow-Generierung jäh gestoppt, und die wenigsten wissen, wann und wie es weitergehen wird. Um dem entgegen zu wirken, greifen sowohl die Europäische Zentralbank (EZB) als auch der amerikanische Staat zurzeit beherzt ein.

Bleiben wir einen Moment in den USA, die immerhin 25 Prozent der Weltwirtschaft ausmachen: Die amerikanische Wirtschaftsleistung beläuft sich auf 20 Trillionen US-Doller im Jahr, also fünf Trillionen pro Quartal. Gerechnet wird mit einem Ausfall von rund 20 Prozent, in diesem Fall also eine Trillion Dollar. Der amerikanische Staat und die Notenbank haben im Rahmen des „Cares Act“ ein Rettungspaket von sage und schreibe zwei Trillionen Dollar geknüpft, also das Doppelte, das seinen Bürgern und Unternehmen teilweise sogar als Art Helikoptergeld zur Verfügung gestellt wird. Gleichzeitig hat die amerikanische Zentralbank am 15. März ihren Puffer genutzt und die Zinsen auf null Prozent gesenkt. Wer nun anhand dieser Zahlen denkt, Amerika sei ein wirtschaftliches Schlaraffenland, darf allerdings nicht vergessen, dass es dort keine Sozialversicherungssysteme (Arbeitslosigkeits-, Rentenversicherungen, Krankenkassen…) gibt, so wie wir es auf dieser Seite des Atlantiks kennen.

Doch auch das Rettungspaket der europäischen Zentralbank lässt sich zeigen. Mitte März legten die Führungsverantwortlichen der Zentralbank ein Notfall-Anleihekaufprogramm über sage und schreibe 750 Milliarden Euro auf. Damit werden sie wohl nicht nur Unternehmensanleihen sondern auch Staatsanleihen aufkaufen, um somit die Liquidität sowie die Refinanzierungskosten unter Kontrolle zu behalten. So kommen die besonders betroffenen Länder wie Italien und Spanien, die auf Grund ihrer Staatsverschuldung eigentlich höhere Zinsen bezahlen müssten, in den Genuss von Zinsen, die man sonst nur als solider Schuldner bekommt. Doch besonders diese Länder benötigen diese Hilfe auch am meisten, da es sich hierbei auch um Länder handelt, deren Bruttoinlandsprodukt (BIP) besonders tourismusabhängig ist, eine Branche die im Rahmen der Covid-19-Pandemie am härtesten getroffen wurde.

Zurück nach Luxemburg: Am 25. März hat unsere Regierung ein nationales Rettungspaket in Höhe von 8,8 Milliarden Euro, also 14 Prozent des BIPs geschnürt. Davon werden 500 Millionen Euro monatlich für die Kurzarbeit benötigt, Kleinunternehmen erhalten eine Soforthilfe von jeweils 5.000 Euro, Unternehmer 2.500 Euro – ebenfalls eine Art „Helikoptergeld“ ähnlich wie in den USA. Zudem sollen Steuern gestundet und auf Vorauszahlungen verzichtet werden. Doch reicht das alles?
Für viele wird es sicher nicht reichen. Alleine schon die Höhe der Mieten in Luxemburg lässt erahnen, dass die 5.000 Euro zusätzlich zu den Fixkosten so schnell wieder vom Konto weg sind wie sie dort ankommen. Wir alle wissen auch, wie weit man in Luxemburg mit 2.500 Euro kommt, auch wenn im Moment bestimmte Ausgaben wegfallen (Frisör, Restaurantbesuche…). Wohl dem also, der einen netten, soliden Vermieter hat, der ein, zwei Monate auf Mieteinnahmen verzichtet, weil er weiß, dass er im Falle eines Konkurses seines Mieters möglicherweise noch länger auf Mieteinnahmen verzichten müsste.

Und wie spiegelt sich das Ganze an den Börsen wider? Im Falle einer Panik wird zunächst nicht differenziert, was dem langfristig orientierten Investor bei der notwendigen Selektivität ein ausgesprochen interessantes Pflaster für Kaufgelegenheiten bietet. Seit den Tiefständen Ende März haben die größten Indices der Welt um rund 15 bis 20 Prozent zugelegt, was heute den mutigen Anleger belohnt, der sich an den schwärzesten Tagen getraut hat, einzukaufen. Ob er kurz- oder mittelfristig Recht behält, das weiß niemand. Vieles hängt davon ab, ob und wie das Virus sich in den südamerikanischen Ländern oder auf dem afrikanischen Kontinent ausbreitet. Das sind nämlich Regionen mit einer schlechteren medizinischen Infrastruktur und wo auch die Zinsniveaus es nicht möglich machen, dass die Regierungen so einfach eingreifen können wie in den Niedrigzinsregionen Europa und USA.

Die Börse weiß allerdings auch, dass die Covid-19 Pandemie – genauso wie bei allen anderen Viren – zeitlich begrenzt ist. Einige Unternehmen werden zurzeit noch zu Preisen gehandelt, die einen unendlichen Umsatzrückgang widerspiegeln. Das scheint dann doch eine zu pessimistische Einschätzung zu sein. Allerdings ist es wichtig, dass man sich stets auf Unternehmen konzentriert mit solidem Cash-Flow und einstweilen die Finger von Unternehmen lässt, deren Tätigkeit stark von der Tourismusbranche abhängig ist.

Diese Woche startet übrigens die sogenannte Earnings Season, also jene Zeit, in der die Unternehmen die Karten auf den Tisch legen und die Resultate vom ersten Quartal veröffentlichen müssen. Dieses Trimester wird diese „Saison“ demnach mit besonders viel Spannung erwartet. Einige interessante Tendenzen gibt es schon. Sie werden uns am Ende den wahren Einfluss von Covid-19 auf die Wirtschaft zeigen sowie auch die Stärke und Flexibilität jener Unternehmen, die sich aus diesem Abgrund wieder herausarbeiten.

Artikel in der Revue von Nathalie Meier-Hottua, Wealth Manager bei CapitalatWork Foyer Group

 

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